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Arequipa und das Erbeben
Erlebnisse während des grossen Erdbeben 2001 in Arequipa
(copyright by Uta Kubik-Ritter)

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Peru – Arequipa und das Erdbeben

Auf unserer Reise durch das alte Reich der Inkas in Peru wollten wir nicht nur Land und Leute kennen lernen, sondern auch die Naturschönheiten. So ging es auf der Panameriaca bequem mit dem Royal Class Bus entlang der peruanischen Küste nach Arequipa. Allmählich wollten wir uns an die größeren Höhen hier in den Anden gewöhnen. Arequipa liegt auf 2360 Meter hoch und ist zudem eine der schönsten kolonialen Städte des Landes. Für uns wurde dann der 23. Juni 2001 ein unvergessener Tag. Man sollte glauben, dass unvergessene Tage auch schöne Tage sind. Aber was für uns schön begann, sollte spektakulär enden .... 

Und das ist die Geschichte von Anfang an: Mitten in der Nacht erreichten wir Arequipa - die Stadt in Weiß. Diesen Namen erhielt Arequipa aufgrund der vielen aus weißem Tuffstein erbauten Häuser im kolonialen Stil. Die Spanier kamen Mitte des 15. Jahrhunderts in diese Gegend. Die Übermacht ihrer Soldaten brachte die Inkas schnell zu Fall und die Zerstörung der Inka Tempel und Häuser sollte die Herrschaft Spaniens untermauern. Im Namen der spanischen Krone entstanden auf diesen Grundmauern die christlichen Kirchen und Paläste für die neuen Kolonialherren. Viele dieser aus den früheren Jahrhunderten stammenden Patrizierhäuser sind heute noch im Stadtbild zu finden.

 

Von der beeindruckenden Plaza de Armas mit der mächtigen zweitürmigen Kathedrale und dem Brunnen, der umgeben ist von grünen Palmen, blickt man auf die schneebedeckten Vulkane rund um die Stadt herum. Als Mittelpunkt Arequipas pulsiert auf diesem Platz das Leben. Die Menschen sitzen in der Sonne, lesen Zeitung, lassen sich für einen Soles die Schuhe von den zahlreichen Schuhputzern reinigen oder kaufen von den Marktfrauen kleine Plastiktüten mit Mais als Taubenfutter. Man fragt sich ständig, ob mehr Menschen oder gurrende Vögel auf der Plaza sind.

Arequipa - die Türme der Kathedrale sind schwer beschädigt...

Die Türme der Kathedrale sind schwer beschädigt...

Auch die vielen gemütlichen Cafés unter den Arkaden der umliegenden Steinhäuser laden in Arequipa zum Essen und Trinken ein. So lässt auch heute noch der Platz die 450-jährige Geschichte dieser Stadt erneut aufleben.

Seit 1970 können Besucher auch das wohl bekannteste Bauwerk von Arequipa nach über 400 Jahren Abgeschiedenheit wieder betreten. Es ist das im Jahre 1580 gegründete Nonnenkloster Monasterio de Santa Catalina, das mit 20.000 qm so etwas wie eine Stadt in der Stadt ist. Tritt man erst einmal durch den Kreuzgang in das Innere, fühlt man sich ins Mittelalter versetzt. Andalusische Adelsfamilien schickten ihre Töchter in dieses Kloster. Ohne eine entsprechende Mitgift war dies allerdings nicht möglich, was den Nonnen ein Leben im Luxus ermöglichte und das Kloster reich machte. Einstmals lebten hier 500 Nonnen. Heute sind es noch 20, die in einem Teilbereich von Santa Catalina leben.

Arequipa hat nicht nur historische Sehenswürdigkeiten, sondern liegt auch in einer fast unberührten Natur. 

Bei einem ersten Besuch auf den Hügeln der Stadt haben wir einen herrlichen Blick auf die die Stadt umgebenden Vulkane. Einer davon ist der Volcá Misti (5.821 m), der auch ab und zu noch aktiv ist.

Wir aber fahren am Misti vorbei in den Colca Canyon. Über 3400 Meter tief erstreckt sich dieses Naturwunder entlang des Rio Colca. Schon lange vor den Inkas haben Indianer die Terrassenfelder landwirtschaftlich genutzt und riesige Alpaka- und Lamaherden gehütet. Die Spanier haben durch das 64 km lange Tal eine Straßenverbindung zu den Minen nach Bolivien geschaffen. Die später gebaute Eisenbahnstrecke entlang der Küste hat diese Region in einen Dornröschenschlaf fallen lassen. Heute zählt der Canyon wieder zu den größten Touristenattraktionen Perus. So ist es nicht verwunderlich, dass jeden Morgen Naturliebhaber zum Cruz del Cóndor kommen, um bei aufgehender Sonne den Flug dieser majestätischen Vögel zu bewundern.

 

 

Um von Arequipa hierher zu gelangen,  mussten wir teilweise fast 4900 Meter hohe Gipfel überqueren. Zwar waren wir mit dem Auto unterwegs, aber an den Zwischenstopps merkten wir schon die Höhe. So taten wir es den Einheimischen gleich und tranken einen Mate de Coca nach dem anderen. Ein heißer Tee aus diesen Blättern soll gegen Höhenkrankheit helfen. Wir tranken ihn. Es ging uns gut.

Arequipa - der Morgen danach macht das ganze Unglück sichtbar

Der Morgen danach macht das Unglück sichtbar

Arequipa - aber die Glocke hängt noch im Turm (und läutet ...)

aber die Glocke hängt  im Turm (und läutet ...)

Die Nacht verbrachten wir in dem 3633 Meter hoch gelegenen Chivay. Der kleine Ort hat aber etwas Besonderes zu bieten: eine heiße Thermalquelle. Dem Bürgermeister der Gemeinde ist es zu verdanken, dass wenige Monate vor unserer Reise ein Thermalbad mit Innen- und Außenbecken erbaut wurde.

Wir bereisten Peru bekanntlich im dortigen Winter, obwohl wir hier in Europa Sommer hatten. Da sind die Nächte – vor allem auch wegen der Höhe – teilweise recht kühl. Wie angenehm war da ein abendliches Bad im warmen Wasser unter einem fantastischen Sternenhimmel .....

Allerdings war die Nacht schnell vorbei. Eine sehr ruhige Nacht, stellten wir fest. Denn hier in Peru hört man fast immer irgendwo Hundegebell. Aber in dieser Nacht war es außerordentlich still. Sollte das schon eine Warnung davor sein, was uns erwarten wird?

Doch wir hatten nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn recht früh am kühlen Morgen ging es los Richtung Cruz de Condor, wo wir am Himmel Ausschau nach den majestätischen Vögeln Ausschau hielten, die diesem Ort seinen Namen gaben. Der Andenkondor ist der größte flugfähige Vogel Amerikas. Hier vom Canyon aus steigt er hoch in die Luft, um Aas aufzuspüren. Doch auch ein junges Lama oder Alpaka steht ab und zu auf seiner Speisekarte.

Wie viele andere Naturliebhaber warteten wir gespannt auf die Vögel. Aber nur ein einziger Kondor ließ sich sehen. Sollte auch das wieder eine Warnung davor sein, was uns erwarten wird?

Es ist der 23. Juni. Ein normaler Samstag, würde man meinen, aber für uns ein ganz Besonderer. Besser gesagt: ein ganz Unvergesslicher. Wir waren bereits am Stadtrand von Arequipa angekommen. Die Berge neben der Straße gingen links steil nach oben, rechts steil abwärts. Plötzlich fielen Geröll, Sand und Steine auf die Fahrbahn. Unser Fahrer hatte Mühe, das Auto gerade zu halten. Ein Felsbrocken versperrte den Weg. Wir hielten an, liefen einige Meter um die Kurve herum und blickten auf die völlig verschüttete Straße vor uns. Fast 50 Meter war außer dem heruntergekommenen Berg nichts mehr zu sehen.

 

Überall wirbelte nebelartig der Sand auf: Erdbeben! Nur gut, dass wir auf dieser Tour in den Canyon mit Jörg, einem Deutschen, der schon viele Jahre in Peru lebt, unterwegs waren. Besonnen tat er das Richtige.

24.06.01: Präsident Toledo besucht Arequipa

24.06.01: Präsident Toledo besucht Arequipa

Wir machten das Autoradio an und hörten die Informationen und Anweisungen des sofort eingesetzten Krisenstabes. 7,8 auf der nach oben offenen Richterskala und in Arequipa bebte die Erde 1½ Minuten lang. Das kann eine Ewigkeit sein.

Doch die Menschen hier sind erdbebenerprobt (Wir nicht!). Da es auf dieser Straße nicht weiterging, wollten wir uns über einen Feldweg in ein Notlager durchschlagen. Es war bereits vier Uhr am Nachmittag und in zwei Stunden würde es stockdunkel sein.

Ohne Zelt sind das schlechte Voraussetzungen. Doch auch das Armeedepot konnten wir nicht erreichen, da die Zufahrtsbrücke eingestürzt war. Also halfen die Bauern, befreiten den Feldweg von Geröll und Felsbrocken. Fast vier Stunden brauchten wir für die wenigen Kilometer in die Stadtmitte  hinein.

Dort waren Polizei und Armee bereits mit der Sicherung eingestürzter Häuser beschäftigt. Jörg brachte es dann fertig, uns so weit wie möglich mit dem Auto zur Plaza de Armas zu bringen, denn direkt neben der Kathedrale lag unser Hotel. Erdbebensicher sollte es sein. Das letzte Stück mussten wir dann aber doch zu Fuß gehen, vorbei an herabgefallenen Steinen, geborstenen Fensterscheiben und herumliegenden Dachziegeln.

Jörg wollte uns auf Biegen und Brechen ins Hotel bringen. Er hielt es für den sichersten Ort zum Übernachten.

 

Dort angekommen, quartierte man uns in die erste Etage direkt neben der Sicherheitszone ein. Jedes erdbebensichere Gebäude hat um das Treppenhaus herum eine solche Zone. Grüne Schilder mit einem weißen  S  kennzeichnen diese Gebäudeteile. Tatsächlich, es schien sicher zu sein, denn die nächsten Stunden hat es noch über 100 kleine Erdstöße gegeben, die wir – irgendwann vom Schlaf überrollt – in unseren Betten nicht merkten.

Arequipa - und zurück bleiben nur noch Trümmer...

Und zurück bleiben nur noch Trümmer...

Doch wir waren im Augenblick viel zu aufgeregt zum Schlafen. Also taten wir das, was alle Arequipenos taten: Wir bummelten über die Plaza und sahen uns das traurige Bild der einst prächtigen Kathedrale an. Der linke Turm war völlig zusammengebrochen, die Trümmer lagen verstreut auf der Straße. Der rechte Turm war angebrochen, hing schief und wie durch ein Wunder immer noch oben (so ist es auch noch zum Zeitpunkt, da ich diesen Bericht schreibe).

Für die Menschen unfassbar, hat dieses Erdbeben das Gotteshaus stark beschädigt. Viele weitere historische Bauwerke haben Schäden davongetragen. Auch die ärmere Bevölkerung hatten teilweise kein Dach mehr über dem Kopf. Ihre einfachen Hütten fielen wie Kartenhäuser zusammen.

Dass die Menschen aber mit diesen Naturereignissen leben können, zeigt ein Beispiel: Wir gingen an diesem Abend durch die Straßen und kamen an eine hell erleuchtete Kirche. Überall lagen Trümmer herum, aber eine Hochzeitsgesellschaft stieg einfach über sie hinweg, um die Trauung zu vollziehen. Irgendwie geht das Leben sofort weiter .....

Allmählich wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar, das Radio brachte ständig neue Informationen und die peruanische Regierung hat das Gebiet um Arequipa noch am Abend zum Notstandsgebiet ausgerufen. Das Epizentrum lag am Meer, und auch Teile der Panamericana sind in Mitleidenschaft gezogen worden. Teilweise fielen die Telefone aus. So konnten auch wir nicht in Deutschland anrufen.

Aber dank Internet war schnell ein Email an die Familie und Freunde geschickt, nachdem in den Internetseiten der deutschen Fernsehanstalten bereits über das Erdbeben berichtet wurde. Nein! Ein Erdbeben hatten wir eigentlich nicht in unserer Reiseplanung, und ich muss sagen, das möchte ich auch so schnell nicht wieder erleben ...
 

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